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Tests, Scores & Indizes
Balance Error Scoring System (BESS)
Ein standardisierter Gleichgewichtstest
08.06.2026 • 0 Kommentare
Foto: Daniel Bombien | physio.de • Lizenz: CC-BY •
Das Balance Error Scoring System, kurz BESS, ist ein einfaches klinisches Testverfahren zur Beurteilung der statischen posturalen Kontrolle. Es wurde ursprünglich vor allem im Kontext sportassoziierter Gehirnerschütterungen eingesetzt, wird heute aber auch in anderen klinischen und sportphysiotherapeutischen Kontexten genutzt. Sein großer Vorteil: Es benötigt wenig Material, ist schnell durchführbar und kann auch ohne Kraftmessplatte oder computergestützte Gleich­ge­wichts­analyse angewendet werden.

Voraussetzungen
Für den Test werden folgende Dinge benötigt:
  • • eine ebene, feste Fläche
    • ein Schaumstoffkissen
    • eine Stoppuhr
    • ein standardisiertes Bewertungsformular
    • ausreichend Platz zur Sicherung, um Stürze zu verhindern
Ablauf
Insgesamt werden drei Ausgangsstellungen auf festem sowie auf instabilem Untergrund getestet. So entstehen insgesamt sechs Testbedingungen. Die Ausgangsstellungen setzen sich aus

  • • beidbeiniger Stand (Füße geschlossen nebeneinander),
    • einbeiniger Stand (im abgehobenen Bein: 20 Grad Hüftflexion, 40 Grad Knieflexion, keine Abduktion)
    • und Tandemstand (Füße hintereinander auf dem Boden, Ferse berührt die Fußspitze)
zusammen.

Jede Übung wird barfuß durchgeführt, die Hände werden an die Beckenkämme gelegt. Die Augen bleiben während jeder Testbedingung geschlossen.
Für den einbeinigen Stand wird üblicherweise das nicht-dominante Bein als Standbein verwendet. Auch im Tandemstand steht der nicht-dominante Fuß hinten.
Die zu testende Person versucht jede der sechs Positionen 20 Sekunden lang einzunehmen. Währenddessen werden Fehler gezählt. Zu diesen gehören:
  • • das Öffnen der Augen;
    • das Entfernen der Hände von den Hüften;
    • ein Schritt, Stolpern oder das Verlassen der Position;
    • das Abheben von Vorfuß oder Ferse;
    • eine Abduktion der Hüfte von mehr als 30 Grad.
Treten mehrere Fehler gleichzeitig auf, wird das als ein Fehler gewertet. Braucht die Person länger als fünf Sekunden, um in die Testposition zurückzukehren, ist dies ein zusätzlicher Fehlerpunkt

Das BESS im Video (englisch):

Bewertung
Die Fehler aller sechs Bedingungen werden addiert. Je mehr Fehler auftreten, desto schlechter ist die gemessene statische Gleichgewichtskontrolle.

Bei gesunden jüngeren Erwachsenen liegen die Mittelwerte häufig etwa im Bereich von zehn bis elf Fehlern. Bell et al. berichten, dass bei gesunden Kohorten die Fehlerzahl stark von Standposition und Untergrund abhängt: Im beidbeinigen Stand treten sehr wenige Fehler auf, während insbesondere der einbeinige Stand auf Schaumstoff deutlich mehr Fehler provoziert.

Schnell, praktisch, aber dafür auch unscharf
Der Test ist unkompliziert, aber dafür auch sehr unspezifisch und sollte daher nicht isoliert interpretiert werden. Die Reliabilität wird in Übersichtsarbeiten von „gut“ bis „brauchbar“ bewertet. Sinnvoll ist der Test vor allem in Kombination mit Anamnese, Symptomstatus, neurologischem Screening, Kraft- und Beweglichkeitstests, funktionellen Tests und gegebenenfalls instrumentierter Diagnostik.

Das BESS ist kein dynamischer Test und kann allein wenig über das Verletzungsrisiko, etwa bei Cutting-Manövern* aussagen. Studien zeigen einen höheren Score nach Gehirnerschütterungen und bei Vorliegen von Sprunggelenksverletzungen. Bei SportlerInnen weisen die beidbeinigen Übungen sehr oft keine Fehler auf, daher wird darüber diskutiert, diese einfach wegzulassen (Quelle). Derzeit liegt der Goldstandard bezüglich der Erhebung von Gehirnerschütterungen im Sport im SCAT6. Dieser umfasst eine Reihe von Tests, darunter auch ein modifiziertes BESS. Da der Spielfeldrand nur limitierte Möglichkeiten aufweist, werden die drei Tests hier ohne Schaum­stoff­kissen durchgeführt.

Daniel Bombien / physio.de
*Cutting-Manöver sind schnelle, abrupte Richtungswechsel (oft um 45° bis 180°), die im Sport wie Fußball, Handball oder Rugby vorkommen. Sie erfordern hohe Stabilität, Kraft und Technik, um das Kniegelenk zu schützen, und werden im Reha-Training genutzt, um die Belastbarkeit nach Verletzungen (z.B. Kreuzbandriss) zu testen.

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